23. März 2017



Gender-Fragen


Kann das wirklich sein? Dass ich - die immer versucht, ihre Kinder, ob Junge oder Mädchen, gleich zu erziehen, 
die keine (großen) Geschlechterklischees im Kopf hat - im Gegenteil, dagegen oft ankämpft, die ihrem Sohn genauso 
Nagellack auf seiner Fingernägelchen streicht wie der Tochter und das völlig normal findet - mit wirren Gedanken in 
einem Büchertaschenoutlet steht, weil ihrem Sohn die Mädchentaschen am allerbesten gefallen?

 



Ich fange mal von vorne an. Als ich damals (vor 4 Jahren) mit meiner Tochter zum Büchertaschekaufen fuhr, 
war ich sehr aufgeregt. Es gab, meiner Meinung nach, so viele hässliche (rosa-glitzernde, einhorngeprägte) Ranzen 
und ich wollte unbedingt einen Schönen für meine Tochter, wusste aber zugleich, dass sie sich keinesfalls reinreden 
lassen würde. Doch, welch ein Glück, meine Tochter war zugleich von einem sehr schönen Ranzen begeistert 
und wir verließen - beide glücklich - den Laden.



 
Bei meinem Sohn hatte diese Thema für mich überhaupt keine Wichtigkeit mehr (okay, die meisten Jungstaschen 
finde ich sowieso hässlich) und ich ging davon aus, dass ich die Büchertasche ohnehin nur mittelmäßig finden würde. 
Wir gingen also in den Laden, mein Kleiner guckte herum, ohne eine Gefühlsregung zu zeigen. Ich zeigte ihm ein paar - meiner Meinung nach akzeptablen Teile und meinte dann "Wir müssen hier nichts kaufen. Wenn dir keiner gefällt, gehen wir woanders hin". "Aber Mama, mir gefallen ganz viele", antwortete er da überraschenderweise, "ich glaube du musst mir helfen". "Na dann zeige mir doch mal deine drei liebsten", munterte ich ihn auf und da zeigte er sie mir: eine Pinkfarbene mit Glitzerherzen, eine grün-pinkfarbene mit Glitzer und Tieren und eine Blaue über und über mit Blümchen. Ich schluckte. Sofort brannte sich dieser Gedanke in meinen Kopf: Die anderen werden ihn auslachen! Sie werden auf ihn, den stolzen Besitzer - meinen Sohn! - zeigen 
und höhnisch rufen: Das ist doch ein Mädchenteil! Wird er dann immer noch stolz und glücklich sein? 
Bei diesen Gedanken wird einem als Mutter das Herz ganz schwer.



 
Andererseits, mein Kleiner ist keiner der unbedingt gefallen möchte. Seinen Nagellack hat er bis zum letzten  
abblätternden Lackteilchen zufrieden getragen, obwohl mehrere Kinder im Kindergarten ihn belehrten, dass 
dies Mädchenkram sei. Und auch sonst ist ihm sein Wille meist wichtiger als seine "Außenwirkung".



 
Ich gebe zu, hätte ihm auch nur eine annähernd nach "Jungs" aussehende Büchertasche gefallen, ich hätte wohl nicht 
mehr mit dem "gut zureden" aufgehört, doch bei seiner Wahl, seinem Geschmack war letztlich klar, dass wir einen
"Mädchen"-Ranzen nehmen werden. Ich "half" ihm dann bei der Auswahl (die ich grundsätzlich gar nicht so schlecht fand) 
und wählte den billigsten (falls sich der Geschmack doch zu schnell ändert) und dann suchte sich mein Kleiner noch 
ein schönes, ebenfalls blumiges Federmäppchen aus, mit einem Paar Ballettschuhen an der Seite. ;-)





Wir fuhren im Anschluss zu meinen Eltern, die ihm auch den Ranzen schenken werden und ich überlegte ernsthaft, 
ob ich sie vorher anrufe und "vorwarnen" sollte. Aber meine Mutter lobte sofort lächelnd seine gute Wahl und freute sich 
ehrlich mit ihm. Als wir unter vier Augen waren, fragte ich sie: "Na, hast du dich gewundert?" Meine Mutter meinte nur: 
"Ich hätte mit einem Pinkfarbenen gerechnet" und wir grinsten uns an. Es kann doch manchmal so einfach sein!
Und als dann noch der Opa kam und mein Sohn sich neben seinen neuen Ranzen aufbaute - mit dieser Mischung 
aus Begeisterung und Stolz, wir wir Erwachsenen sie leider viel zu selten spüren, war das einfach 
ein Moment, der ins Herz schoss. So schön!

Was immer nun auch kommen mag, wir sehen auf alle Fälle einer blumigen Schulzeit entgegen 
und sagt mal ehrlich, kann es etwas Besseres geben?


Auf locker-offene Mitschüler hoffende Grüße
(ein bißchen bange ist mir ja doch)
Jutta



Kommentare:

  1. ich finde deinen Sohn klasse und würde ihn nur Stolz und Bestärkung zeigen. Es ist wichtig, dass er jetzt schon im Kreis von Kindergarten-, Schul- und Spielplatzkameraden zu seinem eigenen Geschmack und seinen Bedürfnissen steht. Das macht ihn auf jeden Fall stark.
    Früher habe ich auch immer gesagt, dass ich Sohn oder Tochter auf jeden Fall gleich erziehen würde. Nur hatte ich nie eine Chance: wir haben drei Töchter. Selbstverständlich haben sie auch gelernt, Autoreifen zu wechseln u.ä. Vielleicht habe ich in der nächsten Generation eine Chance (bislang auch ausschließlich kernige Mädchen...)
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. Ganzganz wunderbar, toll entspannt und selbstsicher von deinem Sohn. Und auch von dir. Und von Oma und Opa. So muss das doch gehen.......die Rollenklischees haben mich schon in meiner Kindheit fürchterlich genervt und tun es heute auch immer noch. Hab grade auf Facebook einen Post gelesen, in dem es darum ging, dass in einem Kinderaufsatz von der Lehrerin angekreidet wurde, dass es im Märchen keine kämpfenden Prinzessinnen gäbe. Aumann wie bescheuert. Ich bin echt keine Emanze oder sowas, aber gleiches Recht für alle tut doch keinem weh???? Oder??? GlG Anne

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  3. ...es ist wunderbar, liebe Jutta,
    dass dein Sohn so genau weiß was er möchte und dass dann auch tut...finde ich genau richtig, ihn dabei zu unterstützen und drauf zu pfeifen, was anderer denken oder sagen...eine blumige Schulzeit wünsche ich ihm wirklich,

    liebe Grüße Birgitt

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  4. Hallo Jutta,
    wenn deinem Sohn der Schulranzen gefällt, dann ist es doch gut.
    Und noch besser ist es das du es so akzeptierst und deine Eltern
    mit seiner Wahl zufrieden sind.
    Das wichtigste ist doch sowieso das er gerne zum Unterricht geht.
    Liebe Grüße, Kerstin

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  5. Liebe Jutta, gerade eben sind mir vor Rührung Tränen in die Augen geschossen.. nun lach nicht! Ich bin so stolz auf ihn.. auf Dich.. auf Oma & Opa.. und ich bin mir sicher, er wird das meistern. Meine beiden Kerle haben sich direkt jeweils in einen klassischen Jungen-Tornister verguckt. Mein Großer hatte sich zum ersten Schultag einen Olivgrünen mit einem Dinosauerier und mein Kleiner einen Schwarzen mit Piratenemblem ausgesucht. Allerdings über die selbstgemachte Schultüte (die wir gemeinsam im Kiga gemacht haben) meines Großen haben viele Eltern und Großeltern geschmunzelt. Sie war nämlich hellblau mit springenden Delfinen und ganz viel Meeresglitzer. Mein Großer hat sie geliebt und ich ihn dafür. Vor allem dafür, dass er sie mit Stolz und Freude vor sich hergetragen hat! Und Dein Kleiner wird seinen Tornister ebenso stolz tragen. Alles Liebe für Euch, Nicole

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  6. Liebe Jutta,
    ich muß sagen, ich wäre überfordert gewesen, denn ich hätte nicht gewußt, was ich tun würde. Deshalb Hut ab vor deiner Entscheidung.

    Als mein Sohn in die Grundschule kam, gab es diese Scout-Ranzen die waren ganz toll und modern, oder Glitzer und Glitter, das gab es damals gar nicht, eigentlich bin ich da jetzt schon froh und auch das Scoutmäppchen hat toll gepasst.

    Der Scout-Ranzen meines Sohnes war so gut, allerdings auch nicht so ganz billig, dass er 4 Grundschuljahre und noch die 5. und 6. Klasse des Gymnasiums überstanden hat. Damit war es dann auch vorbei und mein Sohn bekam eine beigefarbene Lederumhängetasche, die er dann noch den dem Abitur zur Fachhochschule getragen hat.

    Mein Sohn war allerdings immer - und ist es auch heute noch - darauf bedacht, alles gut zu behandeln und alles sehr lange zu haben. Auch mit seinen Schuhen und seiner Kleidung geht er sehr sorgsam um.

    Ich bin gespannt, wie das bei meinem Enkel ist.

    Mit ganz lieben Grüßen Eva

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  7. Oh je! Als meine Tochter mit ihrem unifarbenen, pinken S*coutranzen in die Schule ging, war da auch ein Junge mit dem gleichen - sie haben sie oft verwechselt und den falschen nach Hause gebracht. Damals war das noch nicht so ein Thema, die Industrie fing erst damit an mit dieser Strategie der geschlechtsspezifischen Spielzeuge, Kleidung, Möblierung usw. Die macht mich schon sehr wütend, den ( von deinem Sohn mal abgesehen ) welcher kleine Bruder übernimmt gerne das rosa Fahrrrad der großen Schwester? Also muss man was Neues kaufen, obwohl das alte noch in Schuss ist usw. Profitmaximierung nennt man das. Und dieser Blickwinkel trägt dann zur Ressourcenverknappung und zum Müll-Overkill bei.
    Da kannst du froh sein, dass dein Sohn nicht so manipulierbar ist.
    LG
    Astrid

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  8. Hui, ich kann gar nicht sagen, wie ich reagiert hätte. Ich möchte mal frech behaupten, dass ich mich auch mit dem Junior gefreut hätte, dass er so genau weiß, was er will. Aber ich hätte auch deine Gedanken gehabt, ganz bestimmt.
    Auf das er seiner so sicher bleibt und die Sticheleien ihm erspart bleiben.

    Waren sie lecker, die Trüffel? Und kommst du ohne Namen klar? Merci!

    Grinsende liebe Grüße ... Frauke

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  9. Liebe Jutta,
    bestimmt wird es auch blöde Kommentare geben. Aber grundsätzlich ist es leichter zu etwas zu stehen, das man genau so gewollt hat, als etwas übergestülpt zu bekommen. Ich wünsche ihm viel Freude an seinen ausgesuchten Sachen. LG

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